7. Fanfiction Wettbewerb - Beitrag von Andrea
"Anne", sagte sie sehr ernsthaft. "Ich möchte dir etwas sagen. Darf ich?"
"Natürlich."
"Anne", sagte Jane, jetzt noch ernster. "Was hältst Du von meinem Bruder Billy?"
Anne zog die Luft ein, vor Überraschung über diese unerwartete Frage, und überlegte angestrengt. Meine Güte, was hielt sie denn nun wirklich von Billy Andrews?
"Ich... ich verstehe nicht, Jane", stammelte sie. "Was... meinst du denn genau?"
"Magst du Billy?", fragte Jane sie direkt.
"Ja... also, also... ja, natürlich mag ich ihn", stieß Anne aus und fragte sich, ob sie da wirklich die ganze Wahrheit sagte. Worauf wollte Jane nur hinaus?
"Gefällt er dir als Ehemann?", fragte Jane ruhig.
"Als Ehemann! Wessen Ehemann?"
"Deiner natürlich", antwortete Jane. "Billy möchte dich heiraten. Er war schon immer verliebt in dich - und jetzt hat ihm Vater den oberen Hof überschrieben und nun hält ihn nichts mehr vom heiraten ab. Aber er ist so schüchtern, er konnte dich nicht selbst fragen, ob du ihn nehmen willst, also hat er mich dazu gebracht, dich zu fragen. Ich hätte das ja lieber nicht gemacht, aber er hat nicht nachgegeben, bis ich gesagt habe, ich würde dich fragen, wenn ich eine Gelegenheit habe. Was hältst du davon, Anne?"
Anne zögerte mit der Antwort. Doch im nächsten Augenblick schalt sie sich für ihre Reaktion. Warum sollte sie Billy eigentlich nicht heiraten ? Er verfügte als Farmer über ein geregeltes Einkommen, sein Ruf war makellos, was wollte der junge Mann mehr. Die Sache hatte allerdings einen Haken: Anne kannte Mrs. Harmon Andrews vom Sehen her recht gut, doch sie schauderte schon bei dem flüchten Gedanken daran, diese resolute und praktisch denkende Frau zur Schwiegermutter zu haben.
Jane rümpfte innerlich die Nase. Was dachte sich dieses dahergelaufene „Waisenkind“ dabei, die Tochter eine der reichsten und angesehensten Familien so lange auf eine Antwort warten zu lassen? Jane sagte nie etwas, dass die Gefühle anderer verletzte, aber sie dachte sich ihren Teil und zog dabei die Stirn in Falten. Draußen ging allmählich die Sonne unter. Der Mond kam langsam hervor.
„Ich äh .... Jane .....“, begann Anne nun, nach sie sich die ganze Sache nocheinmal durch den Kopf gehen hatte lassen. „.... nehme Billys Antrag gerne an. Es ist wohl das beste für mich. Ich kann Marilla und Matthew nun nicht länger auf der Tasche liegen. Sie haben beinahe zuviel des Guten für mich getan. Jetzt wird es Zeit, dass ich meinen eigenen Haushalt führe und selbst eine Familie gründe.“
„Dann wollen wir hinuntergehen und es den anderen sagen.“, meinte Jane. Dann erhob sie sich und folgte Anne in die Küche. Vermutlich trocknete Marilla in diesem Augenblick das Geschirr vom Abendessen ab. Und Matthew war vermutlich über eine landwirtschaftlichen Zeitschrift eingenickt. Im Kamin brannte das Feuer langsam herunter. Marilla klapperte mit den Tassen, doch Matthew schnarchte friedlich vor sich hin. Seine Kräfte ließen leider, je älter er wurde, mehr und mehr nach.
Marilla räumte das letzte Stück in den Schrank. Dann drehte sie sich zu den beiden jungen Damen verwundert um: „Nanu, was wollt ihr von mir? Der Nachtisch ist leider schon alle. Und die Speisekammer bereits verschlossen. Wartet, ich binde mir rasch die Schürze ab. Anne, du hast mir bestimmt etwas Wichtiges zu erzählen, so wie ich dich kenne. Ja, komm’ ruhig mit uns, Jane.“
Drüben nahm Marilla auf dem Sofa Platz und ihre Stricknadeln zur Hand: „Setzt euch doch, Mädchen.“
Anne, welche sonst oftmals plauderte wie ein Wasserfall, verhielt sich heute ungewöhnlich ruhig. Rote Flecken waren auf ihren blassen Wangen zu sehen. Sie würde doch nicht etwa krank werden ? Das hatte Marilla gerade noch gefehlt und sie seufzte leise deshalb, ohne es eigentlich zu merken. Diana Barry, Annes beste Freundin, litt an einer schweren Bronchitis. Sie wurde von ihrer Mutter gepflegt.
„Miss Cuthbert ....“, durchbrach Jane mit energischen Worten die Stille. „.... Anne hat Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen. Eigentlich geht es nun ja auch ein wenig um mich, jedenfalls am Rande.“
„Hast du ein Stipendium für das Redmond College gewonnen?“, grübelte Marilla halblaut vor sich in. „Das wäre fein, dann müsste ich nicht auch noch meine letzten Ersparnisse für die Ausbildung opfern.“
Anne schluckte mehrmals und räusperte sich hastig, ehe sie antworten konnte: „Jane hat mir im Namen ihres Bruders Billy, der so schüchtern wie Matthew ist, einen Heiratsantrag gemacht.“
„Ich muss schon sagen ....“, ergriff nun Marilla wieder das Wort und ein lustiges Zwinkern trat in ihre Augen. „.... zu meiner Zeit hätte es das nicht gegeben. Da fragte der junge Mann bei den Eltern der Braut höchstpersönlich nach, ob diese denn für ihn frei wäre. Andererseits besser einen Heiratsantrag von einem Stellvertreter, als gar keinen. Wenn ich da an John Blythe denke. Der hat mich nie gefragt.“
Nach dem Marilla sich von dem ersten Schock erholt hatte, teilte sie ihrem Bruder die Neuigkeit mit. Dieser gab seiner Freude in der Form Ausdruck, in dem er versprach, am Tag der Hochzeit ein Kalb zu schlachten: „Das wird ein guter Braten für die Hochzeit. Es kommen bestimmt viele Gäste, die drei Tage und mehr an diesem Kalb essen können. Ich bin stolz auf dich, mein Anne-Mädchen.“
Wenige Tage später verkündete Mr. Allan das Aufgebot in der Kirche. Billy strahlte über das ganze Gesicht, als er Anne als seine Braut vorstellte. Jeder gönnte ihnen das Glück. Außer Mrs. Rachel Lynde, welche aus gesundheitlichen Gründen nicht bei der Messe anwesen sein konnte. Die Hochzeit wurde für den kommenden Juli festgesetzt. Bis dahin arbeitete Anne in ihrer Freizeit an ihrer Aussteuer und beendete dann den vierjährigen Unterricht an der Dorfschule von Avonlea.
Endlich war der große Tag gekommen. Die Sonne stand hoch am Himmel und die Vögel zwitscherten. Marilla bereitete einen großen Plumpudding zu, während Anne ein letztes Mal in ihrem Stübchen im Ostflügel stand und sich von ihreren Brautjungfern Diana und Jane in das weiße Kleid helfen ließ. Der Schleier war bereits kunstvoll auf Annes roten Locken befestigt worden. Ihre grau-grünen Augen leuchteten vor Freude. Billy wartete bereits auf der Veranda und blickte ungeduldig nach oben.
Anne schritt die Treppe herunter. Marilla putzte sich noch einmal die Nase. Sei es aus Freude für Anne, weil diese das Glück gefunden hatte, welches ihr selbst einst verwehrt geblieben war. Oder aus Trauer darüber, dass die junge Dame von heute an nur noch zu Besuch hier sein würde. Matthew stand ruhig daneben, als ob ihn das alles gar nichts anging und scheinbar nur wenig berührte.
„Willst du Anne Shirley .....“, sprach Mr. Allen die Trauungsformel. Wieder schnäuzte sich jemand. Jetzt kam die Reihe an Billy oder vielmehr: „Willst du William John Andrews ....“ Im nächsten Augenblick wurden die Ringe gewechselt. Die Andrews waren eine große Familie. Janes jüngste Nichte Patricia, „Patty“, gerade einmal süße vier Jahre alt, streute den Reis quer über den Rasen.
„Ich bin so glücklich, Marilla.“, mit diesen Worten verabschiedete sich Anne von ihrer Pflegemutter, während der jungen Braut unaufhaltsam die Tränen über die Wangen kullerten. „Und kann dir mit Worten gar nicht genug dafür danken, was du in den letzten Jahren alles getan hast. Matthew würde ich auch gerne noch einmal sehen. Wo steckt er? Am Tisch sitzt er nicht. Und der Stall ist auch leer.“
Anne ging ins Haus zurück, um ihre Aussteuertruhe zu holen. Wie angewurzelt blieb sie an der Türe zu Matthews Zimmer stehen. Ihr Pflegevater lag auf dem Fußboden und bewegte sich nicht mehr.
„Marilla, komm’ schnell ....“, rief Anne mit einer schrillen Stimme aus. In ihrem Kopf begann sich ein Gedanke zu formen, doch ein andere drängte sich dazwischen: „Nein,um Gottes Willen, nein, nein."
"Carpe Diem"
"Singe vor dem Frühstück - weine vor dem Schlafengehen, so heißt es"
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Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Andrea1984« (9. Mai 2008, 11:43)