Es gibt Zeiten im Leben, in denen sich wie nie zuvor eine plötzliche Klarheit einstellt. In denen die Nebel des Alltags gelüftet werden und der vor einem liegende Pfad deutlich zu sehen ist. Jede überraschende Kurve bedeutet eine neue Entscheidung, einen neuen Lebensabschnitt.
Normalerweise wusste man nicht, wann einem eine solche Abbiegung bevorstand, doch sehr selten hatte man die Chance das Gesamtbild zu betrachten – den Weg, den einem das Leben vorzeichnete. Es waren Momente der absoluten Klarheit, in denen man seine Vergangenheit erkannte und seine Zukunft erahnte.
Ein solcher Augenblick überkam Anne, als sie am See der Glitzernden Wasser stand. Dort, wo Gilbert damals seine Hand auf die ihre gelegt hatte. Ihr Blick glitt über die leichten Wellen, die der Wind kräuseln ließ und sie entdeckte zwei schattenhafte Konturen am anderen Ufer. Als sie genauer hinsah, erkannte sie Gilbert und Christine.
Die Gerüchteküche brodelte seit Wochen. Rachel Lynde hatte sie über kein Detail im Unklaren gelassen und so wusste sie genauso, wie der Rest von Avonlea, dass Gilbert hier eine Praxis eröffnen wollte. Es war selbstverständlich, dass seine Frau ihm in seine Heimatstadt folgte. Was jedoch keiner geahnt hatte, offenbarte sich nun unter Annes Augen deutlich. Christine war schwanger.
Ein Stich fuhr durch Annes Herz und mit einer Heftigkeit, die sie nie erwartet hätte, erkannte sie, dass sie Gilbert liebte, immer geliebt hatte. Eifersucht, Schmerz und Überraschung durchfuhren sie, die in einsamer Trauer endeten. Es war zu spät!
Ihr bisheriges Leben lief vor ihrem inneren Auge ab und in wenigen Sekunden sah sie den Pfad, den sie eingeschlagen hatte. Ihr ‚Nein’ war es gewesen, das ihren Weg seitdem bestimmte und der in ein Leben ohne Gilbert endete.
Überwältigt lief sie los und hielt nicht an, bevor sie in Green Gables Dachstübchen stand, das sie als Kind bewohnt hatte. Erst hier, in den geschützten vier Wänden ihres Heims, gestattete sie sich zu trauern.
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Die erste Zeit, nachdem sie sich eingestanden hatte, dass sie Gilbert liebte, war hart. Sie vergrub sich in Arbeit. Ihre nächtlichen Phantasien jedoch konnte sie nicht verdrängen. Wochenlang träumte sie von ihm. Ihre geistige Einheit war eine Sache, die reine körperliche Lust eine ganz andere. Ihr Kopf spielte ihr Streiche und mehr als einmal erwachte sie schwer atmend und mit kribbelndem Unterleib. Sie sehnte sich nach ihm mit jeder Faser ihres Daseins.
Doch auch das verging.
Die Zeit heilt alle Wunden.
Sie brachte Abstand zwischen sich und die Blythes, kehrte als Rektorin nach Summerside zurück. Die Pringles waren begeistert, doch Anne wusste, dass es nichts weiter als eine Flucht darstellte. Gilbert und sie schrieben sich, der Ton der Briefe freundschaftlich leicht. Niemals sollte er erfahren, was es sie kostete, diese Zeilen an ihn zu richten. So sehr sie um den Verlust von etwas trauerte, das sie nie gehabt hatte, war sie doch glücklich um seinetwillen. Er hatte eine Frau, die ihn liebte, eine Tochter, die er vergötterte und eine Karriere als Arzt in der Stadt, die sein Zuhause war.
All das hätte sie haben können, gemeinsam mit ihm…
Die Zeit heilt alle Wunden.
Sie legt sich wie Balsam über den frischen Schmerz, bis er dumpf in der Brust sitzt und schließlich nur noch eine zaghafte Erinnerung ist. Ein vages Nagen im Unterbewusstsein.
Als sie Gilbert das erste Mal gesehen hatte, nachdem seine Tochter zur Welt gekommen war, hatte sie all den Schmerz erneut gefühlt, der sie in den Monaten zuvor verfolgte. Doch sie lächelte. Er war ihr Freund und als gute Freundin würde sie für ihn da sein.
Dieser Begegnung waren viele gefolgt und heute stand sie erneut dort, wo sie als junge Lehrerin ihre erste Klasse unterrichtet hatte. An der Schule von Avonlea hing ihr Herz. Jede Ecke war voller Erinnerungen, wisperten die Wände alt vertraute Worte des Willkommens. Keiner verstand, warum sie den gut bezahlten Posten als Direktorin aufgegeben hatte, nur um als einfache Lehrerin hierher zurückzukehren. Keiner – bis auf Gilbert und Diana, die ihre Liebe zu diesem malerischen Fleckchen Erde auf Prince Edward Island teilten.
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Jahre vergingen. Elisabeth Blythe war erwachsen. Ein junges Mädchen, das sich anschickte, die Welt zu erobern. Anne lächelte. Manchmal erinnerte Elisabeth sie so sehr an sie selbst, dass es fast beängstigend war. Sie war stur und schnell wütend, aber auch genauso jäh wieder mit sich und der Welt versöhnt. In ihrem Innern steckte Kampfgeist, während ihr Äußeres so sehr ihrem Vater ähnelte, dass es Anne immer wieder den Atem verschlug. Sie liebte dieses Mädchen wie eine Tochter – eine Tochter, die sie und Gilbert hätten haben können. Eine Tochter, die es niemals geben würde.
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Romantische Liebe war ein wichtiger Teil des Lebens, aber er war nicht alles. Sie hatte Freunde in Avonlea; Diana, Fred und die Kinder waren ihre zweite Familie. Ihr Beruf machte ihr Spaß und sie fand Erfüllung in dem, was sie tat. Vor langer Zeit hatte sie eingesehen, dass sie ihr Leben nicht mit der Trauer um eine Zukunft verschwenden durfte, die es niemals geben konnte, sondern dass sie im Hier und Jetzt leben musste. Sie nahm ihren eigenen Ratschlag an und machte das Beste daraus.
Sie lebte ihr Leben und nur selten noch erinnerte sie sich an den Schmerz, wenn sie die Blythes sah. Die Zeit hatte ihren Tribut gezollt und doch hatten Gilbert und sie es geschafft, an einer Freundschaft festzuhalten, die einst in einem Klassenzimmer in Avonlea begann.
‚Karotte’, hörte sie und sah ihr jüngeres Ich die Tafel auf seinem Kopf zerbrechen. Sie schmunzelte. Nie hätte sie gedacht, dass sie einmal als alte Jungfer von Green Gables bekannt werden würde. Lachend zog sie ihre Jacke fester um sich und begann einen ihrer vielen Spaziergänge im Abendgrauen. Es gab so viel schlimmere Schicksale als das ihre. Sie war zufrieden.
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Jahre vergingen und kerbten die Zeichen des Alters in das Leben um sie herum. Menschen wurden geboren und starben. Gilbert hatte alles gesehen in seiner Laufbahn. Als Arzt war man mit dem Besten und dem Schlechtesten konfrontiert – man lernte damit zu leben und wurde weiser. Viel zu oft hatte der Tod ihm in seiner Profession Gesellschaft geleistet und so erkannte er ihn auch in Christine.
Als sie ihre Augen zum letzten Mal schloss, war sie umgeben von Familie, von ihren Kindern und Enkelkindern. Ihre Hand wurde schwach in der seinen. Sanft legte er ihre leblosen Finger zusammen. Nachdem seine Familie gegangen war, saß er da und nahm Abschied von dem Menschen, der ihm über Jahrzehnte sein Ein und Alles gewesen war. Er erhob sich und öffnete das Fenster. Der Wind fuhr sachte durch die Gardinen und er blickte ein letztes Mal zu ihr.
Als er die Tür öffnete, um die Treppe hinunter zu gehen, war Anne da. Er sah das Mitgefühl in ihren Zügen und flüchtete sich in die Arme seiner ältesten und besten Freundin. An ihrer Brust weinte er die Tränen, die ihn schließlich von dem Schmerz erlösen sollten, den er tief in seinem Innern über den Verlust seiner Frau fühlte.
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Wieder einmal war es Mutter Zeit, die Gnade walten ließ. Während Frühling und Sommer, Herbst und Winter die vergehenden Jahre markierten, heilte er. Es dauerte, doch eines Morgens, als er erwachte, konnte er an Vergangenes denken ohne Trauer oder Bitterkeit. Er spürte eine Leichtigkeit in sich, wie er sie seit Jahren nicht gekannt hatte – und es machte ihn glücklich.
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Die Sonne versank langsam am Horizont und das Wasser säuselte leise unter seinen Füßen. Anne und er hatten ihren Spaziergang unterbrochen, um ihre Augen an dem glühenden Horizont zu laben. Doch er sah nicht den Himmel und nicht die Wolken, nicht das tiefe Rot oder die dunkler werdenden Schatten. Er sah nur sie und seine warme Hand legte sich auf die ihre.
Es kam ihr vor, als wäre es erst gestern gewesen, als er dies zum letzten Mal gemacht hatte. Sie fühlte erneut die Hitze seiner Haut, den losen Griff, mit dem er ihre Finger hielt. Ihr Blick fiel auf ihrer beiden Hände, voller Runzeln und Altersflecke. Das Äußere mochte sich verändert haben, aber tief in ihrem Innern war sie das gleiche junge Mädchen von damals. Gilbert schaute sie an und lächelte wehmütig.
„Ich habe Christine geliebt“, sagte er ruhig, „aber du, Anne, du warst meine große Liebe. So sehr ich versuchte, es nicht zu tun, aber ich habe dich immer geliebt.“
Er schwieg und für einen kurzen Moment befürchtete Anne, er würde seine Worte bereuen.
„Ich hatte das Glück, zwei wundervollen Frauen in meinem Leben zu begegnen und ich danke dem lieben Gott jeden Tag für das, was er mir gegeben hat. Ohne Christine hätte ich meine Kinder nicht, die mir die Welt bedeuten. Und du warst immer eine gute Freundin, eine Seelenverwandte.“
In Annes Augen schimmerte Verständnis. Sie erwiderte nichts, sondern hörte zu.
„Jetzt in diesem Moment, Anne, fühle ich mich genauso, wie an dem Tag vor 50 Jahren, als wir schon einmal so wie jetzt hier standen. Und ich habe dir dasselbe zu sagen wie damals: Ich liebe dich, Anne Shirley, und ich werde dich immer lieben.“
Sie drehte ihre Hand in seiner, so dass ihre Handflächen ineinander lagen.
„Und ich liebe dich, Gilbert Blythe.“
Es waren Worte, die sie Jahrzehnte in ihrem Herzen getragen hatte, weggeschlossen hinter dicken Mauern. Es waren Worte, von denen sie nachts träumte und die ihr viele Male auf der Zunge lagen. Es waren Worte, die immer nur einem Menschen gegolten hatten und von denen sie niemals gedacht hätte, dass er sie hören würde. Es war der simple Ausdruck von über 50 Jahren Freundschaft und Liebe.
Sie lächelte und lehnte sich sachte vor. Ihre Münder trafen sich und endlich, endlich erfüllte sich, was das Schicksal für beide vorgesehen hatte.